Vor ein paar Jahren ist es Lameli zum ersten Mal aufgefallen: Die Nachrichtensprecher im Privatradio sprechen kein Hochdeutsch, sondern eine Mischform aus Dialekt und Hochdeutsch, Regiolekt nennt er das. Die Menschen sollen Vertrautes zu hören bekommen, das Radio will ihre Gefühle erreichen, nicht nur ihren Verstand. Dann fiel Lameli auf, dass auch die Moderatoren der Fernsehnachrichten kein perfektes Hochdeutsch mehr sprechen, nicht die der privaten Sender und auch nicht die des ZDF. Dem Hamburger Klaus-Peter Siegloch hörte er die Herkunft genauso an wie Petra Gerster, dass sie aus Worms kommt, wie er. Im Grunde genommen, sagt Lameli, gebe es das Hochdeutsch in seiner Reinform nur noch in der Tagesschau und in den Tagesthemen.
Mitte der zwanziger Jahre haben viele Deutsche zum allerersten Mal Hochdeutsch gehört – weil es das Radio gab. Das Radio hat nicht nur Nachrichten verbreitet, sondern auch das Hochdeutsche im Land. Heute hören die meisten Menschen im Radio und im Fernsehen keine reine Hochsprache mehr. Es ist anzunehmen, dass sie diese Sprache so langsam wieder verlernen. Wäre Deutschland ein Mensch, würde er gerade einen weiteren Stimmbruch erleben.
Lameli hat jüngst zwei seiner Studenten einen Versuch machen lassen. Sie spielten zwei Gruppen von Testpersonen verschiedene um die Stadt Kassel herum gesprochene Dialekte vor: Ostfälisch, Westfälisch, Zentralhessisch, Nordhessisch, Osthessisch, Rheinfränkisch. In der ersten Gruppe waren Menschen zwischen 60 und 70 Jahren, Mitglieder eines Wandervereins. Die zweite Gruppe bestand aus Schülern der neunten Klasse. Sie alle sollten die Himmelsrichtung angeben, von der sie glaubten, dass der jeweilige Dialekt, von Kassel aus betrachtet, gesprochen wird. Was Lameli und seine Studenten verblüfft hat: Die Jüngeren schnitten dabei besser ab als die Alten, obwohl doch früher mehr Dialekt gesprochen wurde. Die Jüngeren haben offenbar ein besseres Gehör, ein größeres Interesse für die Unterschiede.
Es kann sein, sagt Lameli, dass das "von den modernen Medien" kommt. Wenn Wissenschaftler sonst vermuten, dass etwas "von den modernen Medien" kommt, dann ist es für gewöhnlich so etwas wie Verdummung, Verrohung, wenn nicht der Untergang überhaupt. Die Dialekte scheinen zu profitieren: Es gibt Chats im Internet im Dialekt, Dialekt-Wörterbücher, und wer will, kann einen Plattkurs in 19 Lektionen herunterladen. Vor allem schreiben wir uns privat so viel wie nie, per E-Mail und per SMS, während vor nicht allzu langer Zeit noch eine Postkarte pro Jahr und Freund genügte. In ihren Mails und SMS schreiben viele Dialekt, um den Unterschied zu den beruflichen Nachrichten zu betonen. "Moin" zu schreiben ist kürzer als "Guten Morgen", und auch ein bisschen liebevoller.
Wenn der Dialekt gerade jetzt zurückkommt, dann hat das sicher mit der Globalisierung zu tun. Die Welt, in der wir leben, ist unüberschaubar groß geworden und arm an Unterschieden: Wir essen überall die gleichen Gerichte, trinken die gleichen Säfte. Viele sehnen sich nach einer kleineren Welt, in der sie sich zurechtfinden, die so etwas wie Heimat gibt. Wir identifizieren uns weniger mit dem Staat als mit den kleineren Einheiten, den Regionen, die wir noch wirklich kennen.
Aus demselben Grund fangen Akademiker, die in den aufgehübschten Altbauvierteln in Berlin, Hamburg oder München wohnen, an, das Bier ihrer Heimat zu trinken und das Brot ihrer Heimat zu essen. In diesen Vierteln trifft sich das akademische Publikum aus dem ganzen Land, nie zuvor gab es eine solche Konzentration an gebildeten, des Hochdeutschen mächtigen Menschen, und sie alle sind einander sehr ähnlich. Der Mensch will sich aber unterscheiden, er will durch seine Sprache Wirkung erzielen, wie es Alfred Lameli sagt, der Dialektforscher, der keinen Dialekt beherrscht. Auch er gibt seine Herkunft preis, mit einer Kaffeetasse aus Worms, die neben seinem Notebook steht.
All die Akademiker können übrigens auch ziemlich gut Englisch, die Sprache der Welt. Aber Englisch ist eben die Sprache des Geschäfts, des Business. Es taugt im Beruf, aber abends, wenn der globale Angestellte nach Hause kommt, den Kopf voller Brainstormings, Meetings und Screenings, sehnt er sich nach etwas Gefühl.
Meine alten Freunde aus dem Saarland haben fast alle von ihren Eltern Hochdeutsch gelernt. Der Freundeskreis lebt inzwischen weit versprengt. Wenn er sich heute trifft, ist die Konversationssprache: ein ziemlich deutliches Saarländisch. Es ist, als wollten wir etwas Heimat nachholen. Einer meiner Freunde erzählte neulich, dass er öfter auch ein wenig Dialekt redet, wenn er abends in Berlin unterwegs ist. Dass er allerdings immer sofort aufhört, wenn Menschen das lustig finden. Und wenn er gebeten wird, Dialekt zu reden, nur mal so, dann verweigert er das immer. Die Sache ist ihm zu heilig.
Auf dem Flughafen Köln-Bonn ist ein besonders schönes Beispiel zeitgenössischer Dialektpflege zu bestaunen. Der Flughafen ist recht neu, der Boden und die Wände glänzen, man könnte auch gerade in Lyon oder Münster-Osnabrück gelandet sein. Damit der Angekommene weiß, wo er ist, haben sie mit großen Buchstaben kölsche Weisheiten auf die gläsernen Wände des Terminals geschrieben: "Et kütt, wie et kütt", "Et hätt noch immer joot jejange". Es ist, als wollte da jemand den hektischen Vielfliegern eine Lektion in bodenständiger Gelassenheit erteilen.
Niemand kann genau sagen, wann es anfing, dass die Dialekte wieder gemocht wurden. Vielleicht, als die Baden-Württemberger in einem Slogan vor acht Jahren von sich behaupteten, alles zu können außer Hochdeutsch. Dabei war der Spruch gar nicht schwäbisch oder badisch, sondern hochdeutsch. Es fehlte noch an Selbstbewusstsein. Und bei den Sachsen war der Dialektkomplex damals noch größer: Die hatten den Slogan von der Werbeagentur nämlich zuerst angeboten bekommen – und abgelehnt. |